Weihnachtsrede auf der Psychiatrie

 

Liebe Kollegen, Helfer und Patienten. Wir sind zusammen gekommen wie ein Beduinenstamm, der sich zu Ehren der Geister seiner Ahnen versammelt. Manche von uns haben die Kamelherden behütet, manche haben Kamelhaardecken gewoben und Kamelmilch verarbeitet und andere haben die Waren mit Karawanen in fremde Städte gebracht. Manche Stammesgenossen sahen sich täglich, manche fast nur in den Ratsversammlungen, doch jetzt sitzen wir zusammen um ein Feuer mit den Touristen oder, besser gesagt, den Besuchern, die unsere Gebräuche kennen lernen wollen. Sie, liebe Besucher, sind zu uns gekommen, als Sie sich in der Wüste verirrt hatten, und Sie wollen vieles lernen. Die Orientierung nach dem Sonnenstand, die Nahrungssuche in der Wüste und das Reiten. Wir haben mit Ihnen das richtige Kamel ausgesucht. Manche Kamele haben einen besonders sicheren Gang, manche können viel Gepäck tragen, manche finden jede Oase, mit dem passenden Kamel können Sie aus der Wüste heraus finden. Ein Kamel, das die Dakar-Ralley gewinnt, gibt es allerdings nicht.

 

Jetzt sitzen wir aber noch ums Feuer, nicht in der eiskalten Wüstennacht und nicht mitten in den Flammen. Es gibt die Allegorie von einer Herde Stachelschweine im Winter. Ohne Körperwärme der Anderen erfriert ein Tier, doch auch die Stacheln können verletzen. Jedes Stachelschwein muss lernen, wie weit es sich von der Herde entfernen, wie nahe es an welches andere herangehen kann, wann es die Stacheln anlegt und wann ausfährt. Diesen Lernprozess wird es sein ganzes Leben durchwandern, doch mit der passenden Lernstrategie wird es sich nicht plötzlich in der Wüste wieder finden. Und um aus der Wüste heraus zu finden, reicht ein Kamel allein nicht, man muss auch los reiten. Nur Mut, besteigen Sie Ihr Stachelschwein.