Sprachphilosophische Betrachtungen zur Lepidopterologie
Meine Damen und Herren, verehrte Zuhörerschaft! Ich möchte jetzt einen sprachlichen Missstand anprangern, der förmlich nach Behebung schreit: Ist „Schmetterling“ nicht ein absolut unpassender Name für diesen filigranen Flatterling? Es mag zwar keinen tatsächlichen Zusammenhang haben, aber ich denke immerzu an schmettern, zerschmettern, wenn ich „Schmetterling“ höre. Hätte ich noch nie einen gesehen, würde ich mir darunter irgendein Riesenvieh vorstellen, den letzten überlebenden Dinosaurier, ähnlich wie ein Elefant, nur zwanzigmal größer, braun, und mit einem Hammer anstatt des Rüssels. Dieses Ungetüm spaziert wahrscheinlich durch die australischen Wüsten und zerschmettert Aborigines-Dörfer (mal abgesehen davon, dass die Aborigines in Ghettos in den Großstädten oder in den Reservaten leben). Wer einen erlegt (einen Schmetterling, nicht einen Aborigino), steigt zum Volkshelden auf. Gedichte und Lieder werden für ihn/sie/es geschrieben und Hollywood verfilmt die Jagd. Allerdings ist es sicher noch nie vorgekommen, dass ein Schmetterling erlegt wurde, die Viecher sind einfach zu groß und zu mächtig.
Welcher Lautverbindung aber wäre es gegeben, das zarte Geschöpf, das unsere Sprache sträflicherweise zum brutalen Schmetterling prügelt, symbolhaftig einzufangen und zu repräsentieren? Die oben vorher genannte Notlösung „Flatterling“, die genauso gut eine Krähe, eine Libelle oder einen Italiener im angeregten Gespräch bezeichnen könnte, scheidet wohl aus. Auch die Lehnübersetzung aus dem angelsächsischen Sprachraum, „Butterfliege“, wenngleich geeigneter als der vorhergehende Vorschlag, fängt wohl das Wesen dieser luftigen Kreatur nicht ein. Zugegeben, „Fliege“ erklärt sie, einerseits der Hauptbeschäftigung des Untersuchungsobjekts wegen, andererseits der Form des gleichnamigen Kleidungsstücks halber, ausgezeichnet, aber „Butter“? Butter symbolisiert das Fette, Massige. Nun muss ich Andersdenkenden zugestehen, dass der Falter tatsächlich mehr Größe aufweist als die ordinäre Schmeißfliege, jedoch möchte ich ihnen entgegnen, dass das Wort „fett“ und damit der Begriff „Butter“ viel eher auf jene zutrifft und somit der Name „Butterfliege“ zu verwerfen ist,
Eine weitere Möglichkeit ist die Entlehnung aus dem Französischen, „Papillon“, das wohl hoffentlich eingedeutscht als „Papilon“ auszusprechen wäre. Meiner Meinung nach der bisher beste Vorschlag, klingt doch bereits die früher genannte Luftigkeit dieser Spezies durch. Doch welche Assoziationen weckt „Papilon“ in uns? Vertreter des kastrierenden Moralismus grausamer Vorzeiten sprachen von der Hure Babylon und sahen in der vom Papilon verkörperten Leichtigkeit und Lockerheit das, was sie Sünde, genauer Unzucht nannten. Welche Folgen hätte es aber für uns, verknüpften wir das schwebende Wundertier mit dem Eros? Denken wir doch nur einmal daran, wie selten sie sich berühren. Soll unser Sexualleben dem schwebenden Nicht-berühren verhaftet werden? Soll unsere Fortpflanzung gestoppt werden, unser Volk vergreisen und aussterben, unsere Sprache aus dem Weltgedächtnis verschwinden? Nein, nein, nein! Wenn auch mit tränendem Herzen, wir müssen den Namen „Papilon“ aufgeben.
Verzweifelt suchte ich weiter nach der rettenden Idee, unfähig, die Sprache vom unerträglichen Zustand zu erlösen. Suizidale Vorstellung folterten meine gequälten Gedankengänge. In einem Ferngespräch mit einer mir nahestehenden Dame, meiner Gefährtin in sprachphilosohischen Gedankenreisen und liebsten Komplizin bei der m.M. (mentale Masturbation), entwickelten wir gemeinsam die einzig wahre Bezeichnung, die es nicht bedarf, sich zu erklären oder zu rechtfertigen: Taumelfeechen.
Die Lösung ist gefunden, jetzt gilt es, sie zu verbreiten. Zu diesem Zweck wurde der „Verein zur Etablierung des Taumelfeechens in der deutschen Sprache“ gegründet. Meine Damen und Herren, dieser Verein ist auch auf Ihre tätige und finanzielle Hilfe angewiesen. Helfen Sie! Spenden Sie, damit auch Sie wieder stolz auf Ihre Muttersprache sein können. Vielen Dank.