gegenüber

 

"Wenn ich in einen Spiegel seh - bin ich mir immer wieder fremd - ist das wirklich mein Gesicht - meine Stimme, die da spricht?". So beginnt ein Lied der Toten Hosen. Um der Entgegnung "Was soll es denn sonst sein, Trottel? Hast du zu wenig zu tun" aus dem Weg zu gehen, folgt jetzt eine detailliertere Interpretation dieser Zeilen: Wenn mein Gehirn einen Bildraum erzeugt, eine horizontal gespiegelte 3D-Projektion der vertikal gespiegelten Bildfläche des Badezimmerspiegels, die meine Pupille während des Rasierens horizontal gespiegelt auf meine Netzhaut projeziert, kann ich mich nicht vollständig mit dem so Erzeugten identifizieren. Bildet das so Wahrgenommene nicht nur die Unreinheiten und Eigentümlichkeiten, sondern auch das Wesen und den Charakter meines Gesicht realitätsgetreu ab? Genug philosophiert, sprich genug Selbstinszenierung als überdrüber intelligenter Intellektueller. Fotos sind um noch mehr Ecken herum verdreht, Filme genauso, und ich find´s Scheiße, dass ich mir nie gegenüberstehen und in meine Augen schauen kann. Ist nicht nur Neugier, würde mir auch viel weiterhelfen, das ganze Selbsterkenntniszeug und so. Scheiß auf Klonen, der Klon hat ja dann eine andere Entwicklung, eine andere Lebensgeschichte als ich. Also Klonlabor, Versuche, kein Zuhause, keine Eltern, keine Liebe, und wie soll ich jemandem in die Augen schauen, der gerade ein Genlabor mit der Panzerfaust zerlegt? Um die Thematik der Selbstduplizierung anzusprechen (Schnauze Philosophie!), sich selbst zu kopieren geht sicher ins Auge. Streit um dieselbe Frau  ist da noch das kleinste Problem. Schlimmer: genau gleiches Denken, also eigentlich ein Bewußtsein mit zwei Körpern, die zur selben Zeit am genau gleichen Ort sein wollen. Es ist natürlich der einzige Weg, sich selbst wirklich in die Augen zu schauen, aber es sind die Augen nach dem Kopieren. Die Augen, die die Probleme und Krisen als Doppelwesen widerspiegeln. Und denk an deine Mitmenschen, die Pfleger wissen dann auch nicht, welches Ich die Medikamente schon bekommen hat und welches noch nicht (und du spielst dich natürlich damit, wenn du noch mitkriegst, wer du bist). Und am Schluss gehst du mit dem Schwert auf dein Gegen-Ich los. Es kann nur Einen geben!

 

Genug von der äußeren Selbstgegenüberstellung. In dir drinnen kannst du dir natürlich schon in die Augen schauen, nur die innere  Sonnenbrille und so weiter. Du willst zum Beispiel tanzen gehen, aber der innere Feigling hält dich an der Bar fest. Oder ganz allgemein das innere Kind und der innere Erwachsene, Yin - Yan, Engel - Teufel und so weiter. Jetzt fighten sich natürlich die Gegenpole, und du als Ganzer schreibst ein Gedicht, spielst Fußball, oder bringst dich um. Ich bin für's Gedicht, aber das ist ein freies Land. Die Gratwanderung: Bist du nur noch ein wandelnder Weltkrieg, packst du Gesellschaft und Freunde nicht mehr, bist du Sommer, Sonne, Sonnenschein, ist´s erst recht fad. Oder anders gesagt: Du musst dich schon selber ab und zu in den Arsch ficken, aber hin und wieder ist ein Candlelight-Dinner auch wichtig für den Seelenfrieden. Ich hab auch schon gehört, dass man in jeden Gesprächspartner eigene Seiten rein interpretiert und eigentlich ein Selbstgespräch führt. Ich mach das nicht, wär' ja unanständig. Na ja, zumindest nicht immer. Beim Schachspielen kämpf' ich aber schon gegen mich selbst im Gegner. Überhaupt ist Wettkampf mehr als nur ein sublimierter Überlebenskampf um Revier und Paarung, viele Projektionen von innen nach außen spielen da auch mit. Und natürlich dieSpielfreude. Was ich eigentlich sagen will ist eine Binsenwahrheit: Dir selbst gegenüber stehst du alsoim Nebel, und wie willst du da noch jemand anderem ehrlich in die Augen schauen können?