Daddy
Diese Kurzgeschichte ist als Nebenprodukt bei meiner Bewerbung für das Drehbuchstudium an der Hochschule für Film und Fernsehen München entstanden und soll die Begegnung eines jungen Mannes mit einem oder mehreren Menschen aus einer anderen Kultur nachzeichnen. Ich möchte sicherheitshalber noch betonen, dass ich die politischen Ansichten meines Ich-Erzählers vehement ablehne [Anmerkung des Autors]
Meine Eltern haben sich getrennt, wie ich sieben gewesen bin. Den Alten seh ich praktisch nie, die Mama ruft mich oft an. Sie will wissen, wie es mir und Jaqueline geht und ob wir uns schon verlobt haben und wie es in der Werkstatt läuft. Ich lüg ihr dann immer was vor. Nicht über Jaqueline und mich, sondern über die Werkstatt. Ich mein', ich bin seit einem halben Jahr arbeitslos. Wie soll auch ein anständiger Automechaniker Arbeit finden, wenn es die Polen für weniger als nix tun? Und überhaupt, am Sozial- und am Arbeitsamt stolpert man fast nur über Ausländer, die unser Sozialsystem ausnützen. Ich würd' wahrscheinlich viel mehr Zuschüsse bekommen, wenn ich mir einen Turban aufsetz' in den Ämtern. Dann müsst' ich auch nicht mehr pfuschen, für dass ich über die Runden komm'.
Beim letzten Telefonat war's anders. Sie hat nur kurz gefragt, wie's mir geht, und dann hat sie es gesagt: „Réné, ich werd' wieder heiraten.“ Bis ich vor drei Jahren mit Jaqueline zusammen gezogen bin und weg von der Mama, hat sie zwei ernstere Geschichten mit Männern gehabt, beide recht anständig, aber ans Heiraten hat sie nicht mehr gedacht. Und mit dem Letzten ist es doch vor einem Jahr aus gewesen. Ich hab bis zu diesem Telefonat nichts von einem neuen Haberer gewusst. „Gratuliere!“, hab ich, komplett schmähstad, gesagt. „Aber das kommt jetzt a wengerl plötzlich?“ „Ja, für mich auch. Aber ich weiß einfach, dass das jetzt der für's Leben ist.“, hat sie gesagt. „Wie lange kennt's ihr euch denn schon?“, hab ich gefragt. „Erst einen Monat.“, hat sie gesagt „Aber es ist in diesem Monat ganz anders gewesen als mit allen vorher und viel intensiver. Du musst ihn unbedingt kennenlernen. Morgen Abend ist ein kleines Festl mit ihm und seiner Family bei mir. Ich würd' mich freuen, wennst' kommst.“ Ich hab „Ja“ gesagt, und erst, wie wir schon aufgelegt haben, hab ich gemerkt, dass ich gar nicht gefragt hab, wie der heißt.
Jetzt stehen Jaqueline und ich vor Mamas Wohnung. Wir sind recht gut zurecht gemacht, aber sicher nicht aufgemascherlt. Es soll ja nur ein kleines Festl sein. Durch die Tür kommen Musik und Stimmen, aber wir können kein Wort verstehen. Wir klingeln. Schritte kommen näher und die Tür wird aufgemacht. Vor uns steht ein junger Neger. Ich sag' jung, aber man kann bei denen ja nie so genau das Alter sagen. Hoffentlich ist Mama nicht auf einen Süchtler reingefallen, der was gleich seinen Dealer mitnimmt. Er grinst uns an und schreit: „Hey. You are Réné, right?“ „Yes.“, sag' ich baff. Woher weiß der, wie ich heiß? Und wer ist der überhaupt, Oida? Ich komm' gar nicht dazu, dass ich frag', weil er fällt mir sofort um den Hals und brüllt weiter in seinem bauchigen Englisch, das was ich kaum derzah: „Welcome to the family, son. Come in, come in. How are you doing? You have to meet our brothers.“ Was zum Teufel geht hier vor? Ich geh ihm mit Jaqueline nach ins Wohnzimmer, wo sich eine ganze Horde Neger breit macht. Es riecht komisch, ein fettiger Geruch nach so was wie Spinat. Die Mama sitzt auf der Couch mit einem vollen Teller, der was so komisch miachtelt.„Attention, everybody!“, schreit der, der was die Tür aufgemacht hat, „This is my new son and his lovely girlfriend.“ Die Neger alle Vollgas zu mir, stellen sich vor. Lauter englische Namen: Gavin, Sonny und so weiter. Mit ihrem erdigen Akzent sind sie fast nicht zum Verstehen, ich höre nur immer wieder dieses „How are you doing?“ . Ich bin immer noch viel zu baff, um mich gegen die vielen Hände zu wehren, die meine schütteln als wie deppert. Dann ist das überstanden und ich kann mit der Mama reden: „Mama, das ist jetzt aber nicht dein Ernst?“ „Ja, ich weiß, der Kulturschock ist am Anfang ordentlich. Die sind viel offener als wir.“, sagt sie. „Aber, Mama, das geht doch wirklich nicht.“, sag ich und setz mich neben sie. Da ist plötzlich ihr Haberer, der von der Tür, neben mir, drückt mir ein Bier und einen vollen Teller in die Hände und fängt an, mich vollzuquatschen, wieviel er nicht schon von mir gehört hat und so weiter. „Wait, I didn't understand your name.“, red ich ihm drein. Das ist natürlich gelogen, er hat sich gar nicht vorgestellt. Marc heißt er. „Look, Marc. How old are you?“, fang ich an. Er ist 28, grad mal sieben Jahre älter als wie ich und fast zwanzig Jahre jünger als wie die Mama. „I know what you think now. But I really love your mother. She is a very special woman.“, sagt er. Ich glaub ihm natürlich nicht, red aber erst mal von was anderem. Ich frag ihn, was er arbeitet, weil wenn er mit Drogen dealt, kann ich ihn verhaften und abschieben lassen und die Geschichte ist erledigt. Aber er hat drei Jobs gleichzeitig, den einen in einer Küche, den anderen in einem Lager (er sagt auf Deutsch „Lager“) und Schnee Räumen (auch „Schnee Räumen“ sagt er auf Deutsch). Ich versteh sein gekrähtes Englisch fast nicht, die Mama muss immer wieder helfen. Ich frag' ihn, warum er nach Österreich gekommen ist. Er antwortet, dass das ein „good country“ ist. Das denken die doch alle, diese Ausländer, die in Massen über unsere Grenzen strömen und unser Österreich dann immer ein Stück weniger „good“ machen. Das Essen auf meinem Teller fress ich sicher nicht, es riecht halt so fettig. Eine braune Flüssigkeit, in der was ganze Fischstücke, grüne Blätter und noch irgendwas Komisches schwimmen. Auf dem Tisch steht auch noch ein Teller mit einem weissen Zeug. Es ist als wie ein festes Püree und die Neger nehmen einfach mit den Pfoten davon, damit sie die Blätter und den Rest fressen können. Kein Besteck, wie bei den Wilden. Meine Mutter sagt, dass ich auch kosten soll, gut soll's sein. Ich will nicht, aber dieser Marc kaut mir jetzt ein Ohr ab, wie herzhaft dieses Essen sein soll und dass es so ehrliches Essen sein soll, dass man es mit den Händen essen muss. Zeit für Angriff, aber zu deutlich kann ich das wegen der Mama nicht machen. Ich erzähle drum von Kollegen und überhaupt Leuten, die sagen tun, dass die Neger („The Black“ sag ich natürlich) nur kommen, damit sie unsere Frauen stehlen und unsere Kinder mit Drogen vollupumpen. „Ich hab' ja noch gar nicht gewusst, dass du Kinder hast.“, redt' mir die Mama drein, die mich natürlich durchschaut, aber da ist der Marc auch schon in einem Redeschwall. Er schimpft auf die Junkies, die ihn ständig um Drogen anbetteln, man muss als Schwarzer ständig Angst haben, von denen niedergestochen zu werden, wenn sie auf Entzug sind. Und warum soll er nicht herkommen, wenn sein Geld herkommt, sagt er, weil sein Land wird von den Firmen aus den reichen Ländern ausgesaugt. Ob ich weiß, dass die OMV [Österreichische Mineralölverwaltung] Öl aus Nigeria für weniger als Nichts einkauft. Er zählt noch andere Firmen auf. Afrika ist ein reicher Kontinent, sagt er, hat viel mehr Bodenschätze als wie Europa, aber die kommen nicht den Afrikanern zugute, sondern nur den Weißen. Aber Afrika ist ein schlafender Riese, „a sleeping giant“, sagt er, und wenn es aufwacht, wird's seine Rechte kriegen. Die anderen Schwarzen nicken, schreien auch mit, und plötzlich komm' ich mir vor wie ein Angeklagter vor einem Gericht, ohne Anwalt. Es stimmt ja eh, dass die Weißen ihnen viel angetan haben, aber das bin doch nicht ich gewesen, das sind die Amis. Warum steh jetzt ich vor dieser großen schwarzen Anklage?