Einfach nur geil

Vom 2. bis zum 5. September 2009 habe ich einen Autorenkurs in genau dem Hotel, in dem sich meine Eltern vor Jahren bei einem anderen Kurs kennen gelernt haben, besucht. Der Titel war wenig ansprechend, "Wie man als Autor erfolgreich wird", es hätte eher heißen müssen "Selbstvermarktung für Autoren". Begrüßung war für den 2. September abends geplant, mit dem Zug von Wien Westbahnhof bis St. Moritz um 7:40 würde ich perfekt hinkommen. Als ich also verschlafen um 9:40 in Wien den Zug bestieg, war ich noch viel zu müde, um richtig gespannt zu sein. Nach einer wenig aufregenden Zugfahrt kam ich um ca. 21 Uhr im Hotel Laudinellla an, aß in einem der fünf Restaurants, über die das Hotel verfügt, in der Pizzeria, ein schlechten Safranrisotto nur bis zur Hälfte auf und legte mich ins Bett. Obwohl ich totmüde war, konnte ich die ganze Nacht nicht einschlafen. Ich hatte mir zusätzlich überlegt, dass das eine gute Gelegenheit sei, mit dem Rauchen aufzuhören und hatte den ganzen Tag keine einzige Zigarette angerührt.

 

Am nächsten Tag war ich nach einem ausgezeichneten Frühstück schon viel zu früh im Kursraum. Schließlich tröpfelten der Kursleiter und die übrigen Teilnehmer ein. Es wurde die Vorstellungsrunde, deren Anfang ich am Vorabend verpasst hatte, fortgesetzt. Kursleiter war Werner Irro, der lange Zeit für den Suhrkampverlag als Lektor gearbeitet und schließlich die Laufbahn eines freischaffenden ebensolchen eingeschlagen hatte. Zusätzlich arbeitet er vereinzelt als Agent für Fachbücher, gibt Beratungen für Belletristikwerke ab und hält natürlich auch Kurse. Die anderen Teilnehmer waren Walter Bloch, ein pensionierter Mittelschlullehrer, der bereits mit "Heinrich der IV. Moser und seine Mütter" 1993 im Amannverlag, der sich mit Jahresende 2009 auflöst, einen Roman veröffentlicht hatte. Leider ist das Werk schon vergriffen und wird nicht mehr gedruckt. Außerdem stammen ein paar Fachbücher für Philosophie und Psychologie von ihm. Weiters gab es Eva Pieth, eine 54jährige Physiotherapeutein, die noch unveröffentlicht ist, aber schon einige Lesungen gehalten hat. Die Runde komplettierte Anouchka von Heuer, die über die Wege von Journalismus, Psychologie (vornehmlich C.G. Jung) und Religionsgeschichte (bei diesen beiden Studien in Wien) schließlich 1987 die Holizistische und Transpersonale Universität mitbegründete, mit der sie u.a. von der UNESCO unterstützte Seminare unter dem Titel "Die Kunst, in Frieden zu leben abhielt. Seit einigen Jahren setzt sie diese Arbeit im Schweizer Emmental fort, wo sie neben einer 1000jährigen Kapelle, die von irischen Mönchen gegründet wurde, wohnt. 1994 und 2001 wurde sie von der französischen Regierung für die kulturelle Ausstrahlung ihres Schaffens mit der Médaille d'or du rayonnement culturel ausgezeichnet. Es war eine gut zusammenwirkende Runde, bei der der Respkkt und die trotz allen Unterschieden gemeinsamen Interessen als Autoren im Vordergrund standen.

 

Nach der Vorstellungsrunde wurden wir in Zweiergruppen zusammengesetzt und sollten uns gegenseitig innerhalb von 3 Minuten unser Werk vorstellen. Danach sollte jeder wiedergeben, was der andere erarbeitet hatte, dann sollte der es nochmals selbst der Runde vorstellen. Ich arbeitete mit Walter zusammen.

Walter hat eine unkonventionelle Liebesgeschichte unter dem Titel "Bildersturm" geschrieben, in der Glück und Unglück nahe beisammen liegen. Für Freunde des Schweizer Zungenschlags wie Glauserromane, nur schwächer, nach Erscheinen ein absolutes Muss.

Auch die Damen stellten ihre Romane vor. Eva hat einige zusammenhängende witzige Kurzgeschichten rund um die Probleme der Hausfrau Alice mit ihrem neuen Computer geschrieben,in der die Fachtermini (Trojaner etc.) personalisiert werden. Der Titel lautet in Anlehnung an Lewis Carolls Hauptwerk "Alice im Wireless Lan(d)". Ich werde mir das Büchlein nach Erscheinen auf jeden Fall kaufen und ich kann es nur wärmstens empfehlen.

Anouchkas Roman, der nicht den klassischen Richtlinien eines Romans folgt, ist teilweise autobiographisch. Vier Schriftsteller, darunter Debora, für die Anouchka als Vorbild dient, erleben und reflektieren zusammen in einer Begegnungsstätte für Friedensarbeit und interkulturellen und -religiösen Dialog die Jahre zwischen dem Libanonkrieg und der Auseinandersetzung im Gaza 2009. Auch geht es um die Suche nach Glück und innere, äußere und himmlische Gärten. Ein Werk, das ich wohl entweder nach den ersten hundert Seiten weglege oder das meine Einstellung zum Leben gründlich durcheinanderwirbeln wird, dazwischen ist nicht viel möglich.

In Folge feilten wir an der Präsentation unserer Romane.

 

In der Mittagspause drehte ich eine Runde um den See, vorbei an der Brücke, auf der mein Vater damals ausgerutscht und meiner Mutter zu Füßen gefalllen war. Am Nachmittag hörten wir noch einiges über die Vorangehensweise von Lektoren bei unverlangt eingesandten Manuskripten und arbeiteten die ersten Fassungen von Kurzvitae, Anschreiben und Exposés aus. Abends waren wir beim köstlichen Thailänder im Hotel essen. Nach noch einer Einführung in die Arbeit von Verlagen lag ich wieder die ganze Nacht wach.

 

Tags darauf hörten wir u.a einen Vortrag über die Stilrichtungen, über die Entstehung von Büchern in Verlag und Setzerei, Marketing und Presse, Weiters lektorierten wir die ersten zwei Seiten der Geschichten von Eva und Anouchka vor.

 

In der Mittagspause war ich mit Anouchka im Ort und sah mir St. Moritz, vor allem das Badruts Palace Hotel an. Dies tat ich im Glauben, mein Vorfahr, der St. Moritz erst zu einem Wintersportort gemacht hatte, hätte dieses gegründet, aber ich irrte mich,  ich war bei der Konkurrenz. Nachmittags standen die neu ausgearbeiteten Exposés, Kurzvitae und Anschreiben sowie die ersten zwei Seiten meines unfertigen Romans auf der Tagesordnung. Abends aß ich  im Franzosen im Hotel eine der besten Mahlzeiten, die ich je gehabt habe. In der Nacht konnte ich lange trotz des Doppelten der Höchstdosis an Schlafmitteln nicht einschlafen, bis ich mir schließlich von der Rezeption ein neues Zimmer zuweisen ließ, wo ich mit meiner Überdosis innerhalb von Sekunden schlief wie ein bekifftes Baby.

 

Samstags hörten wir am Vormittag das Wichtigste von der Arbeit eines Lektors und den Vorgang des Lektorats. Danach verabschiedete sich Eva, denn ihr Mann, der Geburtstag hatte, kam zu Besuch. Sie verbrachte den Nachmittag mit Spaziergängen und Eierschwammerl mit ihm. Nachmittags besprachen wir noch in der verkleinerten Gruppe die ersten zwei Seiten von Walters Roman und wurden in das Wichtigste rund um das Thema "Agenten" eingeführt. Ich denke, ich werde mir in nächster Zeit keinen Verlag, sondern einen Agenten besorgen, der die Arbeit mit den Verlagen für mich erledigen soll. Schließlich folgte noch eine Lektion über die rechtlichen Dinge, Autorenverträge und natürlich die Hinweise auf mögliche Fallstricke darin. Mit einer Besprechung des Kurses endete dieses hochinteressante Seminar.

 

Am Abend ließen wir den Aufenthalt wieder in diesem köstlichen Franzosen ausklingen. Auch Eva und ihr Mann Andi stießen wieder zu uns. Während die anderen noch das Konzert zur Eröffnung eines Klavier-Meisterkurses anhörten, sah ich mir die zweite Halbzeit des mühevollen 2:0 Sieges der Schweiz über  Griechenland an. Danach entschied ich, dass coffee and cigarettes ja doch mein Markenzeichen sind (siehe Startseite) und kaufte mir das erste Mal seit drei Tagen wieder Zigaretten. In dieser Nacht schlief ich gut.

 

Nach einem Frühstück mit Herrn Irro wollte ich mein Zimmer bezahlen, aber sie verechneten mir nur die Getränke aus der Gastronomie, anscheinend habe ich gratis gewohnt. Um 8:04 reiste ich mit der rhätischen Bahn Richtung Zürich ab, wo ich meine Großmutter und meine Mutter treffen sollte. Diese Fahrt war die schönste Zugfahrt, die ich je erlebt habe. .Sie hat mich sogar zu einem Gedicht inspiriert, das ihr findet, wenn ihr links auf "unterhaltsame Gedichte" und dann auf "rhätische Bahn" klickt.

 

In Zürich traf ich dann Mutter und Großmutter, die ihm Bahnhof noch gestolpert und gestürzt war und sich dabei eine Platzwunde an der Stirn geholt hatte, die noch genäht werden musste. Gottseidank ist ihr nichts Schlimmeres passiert, und ich hab jetzt eine Großmutter, die aussieht, als würde sie mit 84 Jahren noch Schlägereien haben.

 

Es war eine wunderschöne Zeit, auch wenn ich nicht die Frau meines Lebens kennengelernt habe, wie mir einige prophezeit hatten. Ich kann die Sommerkurse im Hotel Laudinella (www.laudinella.ch) nur wärmstens empfehlen.